Gesundheitswesen im Wandel

Das Schweizer Gesundheitswesen ist komplex und steht vor grossen Herausforderungen. Eine Übersicht.

Ein kurzer Blick zurück

Bis zum 19. Jahrhundert war die Gesundheit Privatsache. Behandlungen und Medikamente mussten aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Erst im Zuge der Industrialisierung entstanden Hilfskassen als nicht-profit-orientierte Selbsthilfeorganisationen. 1880 sicherten über 1‘000 Kassen männliche Arbeitnehmer bei Krankheit, Tod und Unfall ab. Auch erste gemeinnützige spitexähnliche Strukturen entstanden, wie etwa 1858 in Zürich.
Ab 1900 begannen die Kassen schliesslich, sich auf Krankheit spezialisieren. Es ist die eigentliche Geburtsstunde der Krankenkassen.
1912 sagte das Volk Ja zu Einführung einer obligatorischen Unfallversicherung für einen Teil der Arbeitnehmer (vorwiegend aus dem Industriesektor). Damit einher ging die staatliche Subventionierung der Krankenkassen.
1918 nahm die SUVA ihre Tätigkeit auf.
Erst mit dem neuen Unfallversicherungsgesetz waren ab 1984 schliesslich alle ArbeitnehmerInnen unfallversichert. Neu wurden in diesem Bereich auch Privatversicherungen zugelassen.
1996 wurde mit dem neuen Krankenversicherungsgesetz (KVG) schliesslich auch die obligatorische Krankenversicherung für alle eingeführt. Zudem müssen die Krankenkassen nun auch Spitexleistungen mitfinanzieren.

Heute

Der Blick zurück zeigt auf, wie sich das Schweizer Gesundheitswesen zu einer historisch gewachsenen, komplexen Struktur entwickelt hat. Er verdeutlicht auch die Entwicklung der Krankenkassen zu mächtigen gesundheitspolitischen Akteuren.
In erster Linie sind die 26 Kantone für das Gesundheitswesen zuständig, daneben üben aber auch der Bund (Gesetze, Qualitätssicherung, Berufsbildung) und die über 2600 Gemeinden (Spitex, Heime) eine wichtige öffentlich-rechtliche Funktion aus. Dem gegenüber stehen wie bereits erwähnt mächtige private Akteure wie die rund 60 Krankenkassen mit einer sehr starken Lobby in Bundesbern.
Das Schweizer Gesundheitswesen steht im internationalen Vergleich sehr gut da, gehört aber auch zu den teuersten der Welt.
Gesundheitspolitische Abstimmungen in den vergangenen Jahren (Ablehnung Einheitskrankenkasse, freie Arztwahl etc.) weisen darauf hin, dass die Schweizer StimmbürgerInnen keine grundlegenden Veränderungen im Gesundheitswesen wünschen. Die kontinuierlich steigenden Krankenkassenprämien werden hingenommen – wenn auch murrend. Dies, obwohl viele Kantone ihren Spielraum für Prämienverbilligungen nicht ausschöpfen.

Herausforderungen

  • Steigende Lebenserwartung, sinkende Geburtenraten und zunehmende Erwerbstätigkeit der Frauen «kollidieren» mit starren Strukturen bzw. einem traditionellen Ernährer- und Familienmodell. Die Politik weigert sich, bezahlte und unbezahlte Arbeit zwischen Frau und Mann gerechter umzuverteilen, und es stehen immer weniger Frauen für unbezahlte Pflegedienstleistungen zur Verfügung. Die Folge: Die Schweiz steuert auf massive Probleme in der Langzeitpflege zu. Es fehlen ganzheitliche Konzepte und zeitgemässe Angebote.
  • Thematik der hohen Kosten im Gesundheitswesen. Rezept der Politik: Kosten sollen durch Wettbewerb und Sparprogramme gedrückt werden. Privatisierungen bei den Spitälern und auch in der Pflege sollen das Gesundheitswesen in einen attraktiven Gesundheitsmarkt mit Milliardenpotenzial verwandeln.
  • Ein Spardiktat (ausgelöst durch Steuersenkungen und Unternehmenssteuerreformen) löst das nächste ab. In der Folge werden Spitäler und Psychiatrien ausgelagert und kaputtgespart. Sie sollen sich, wie auch die öffentlich-rechtlichen Spitexorganisationen, dem Wettbewerb stellen. Diese Entwicklung findet vor allem auf dem Buckel der Angestellten statt.

Unsere Forderungen im Gesundheitswesen

  • Politik: auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene gilt es, die Sparpakete zu verhindern bzw. deren Folgen ganz klar aufzuzeigen.
  • Konkrete Privatisierungs- und Auslagerungsvorhaben müssen bekämpft werden.
  • Vernetzung aller Akteure, die sich dagegen wehren, dass die Gesundheit noch mehr zu einem Milliardengeschäft verkommt.
  • Fast 400’000 Personen arbeiten im Gesundheitsbereich. Sie tragen die Hauptlast der aktuellen Entwicklung. Davon ist nur ein sehr kleiner Teil gewerkschaftlich organisiert. Hier gibt es also einen immensen Bedarf.
  • Die Langzeitpflege braucht dringend eine öffentliche und politische Debatte: wie wollen wir im Alter leben und versorgt werden? Die Probleme in der Langzeitpflege lassen sich nicht lösen, ohne gleichzeitig das Thema der unbezahlten Care-Arbeit anzugehen.

Gesundheit geht uns alle an

  • Gesundheit und damit auch das Gesundheitswesen geht uns als Gesellschaft an. In welcher Gesellschaft wollen wir leben?
  • Wenn wir nicht wollen, dass auch das Gesundheitswesen noch weiter durch-ökonomisiert bzw. privatisiert wird, müssen wir uns entschieden dagegen wehren, dass Angestellte zu reinen Kostenfaktoren und (potenzielle) PatientInnen zu KäuferInnen von kommerzialisierten Dienstleistungen instrumentalisiert werden.
  • Unser Gesundheitswesen ist sehr teuer. Wie könnten erschwinglichere Varianten aussehen, ohne dass sich die Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen noch mehr verschlechtern? Welches Gesundheitswesen brauchen wir? Zu welchen Kompromissen wären wir bereit?
  • Wie könnte eine gute und zeitgemässe Langzeitpflege aussehen?

Das Schweizer Gesundheitswesen ist komplex und steht vor grossen Herausforderungen. Eine Übersicht.